Kongressbericht: Politik und Improvisation

Unsicherheiten, Modelle und Ermutigendes für die Praxis

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Herzlicher Empfang

Die Hauptstadt der Republik rief und - nicht alle kamen. Die Besucherzahlen  zum 3. Europäischen Fachkongress Solarien und Besonnung in waren praktisch die gleichen Berlin wie in den Vorjahren im badischen Europapark Rust. Der erwartete „Berlin-Bonus“ blieb aus.  

Der guten Stimmung während des Kongresses tat das allerdings keinen Abbruch. Das angenehm elegante Ambiente und die ebenso effiziente wie liebenwürdige Betreuung der Besucher tat das ihre, dem Kongress einen Wohlfühl-Rahmen zu geben.

Mehr noch: Da die Veranstaltung sehr kompakt mit – gut gefülltem - Vortragssaal und Vorhalle auf engerem Raum stattfand, gab es mehr Kontakt-Anlässe und auch die ausstellenden Sponsoren konnten davon profitieren.

Nicht geplant aber gut gelungen

Improvisation gefordert

Die Improvisationskünste der Veranstalter waren gefordert, als zunächst ein Sprecher, Prof. Helmut W. Minne, aus Gesundheitsgründen kurzfristig absagte und dann noch ausgerechnet am Morgen der Veranstaltung der Abschluss-Sprecher, Prof. Dr. Claudius Schmitz, ausfiel und ein Ersatz in einer Art Highjacking-Aktion auf der Schweiz eingeflogen wurde. 

Überraschenderweise tat das der Veranstaltung nicht nur keinen Schaden, sondern erwies sich in vieler Hinsicht als positiv für den Kongress. Es blieb nach den Vorträgen zum „holländischen Modell“ (von Heest) und zum „Solariengesetz“ (Dr. Huthmacher) die notwendige Zeit zum Fragen und Diskutieren. Und der „Ersatzredner“, Edy Paul, erwies sich am Ende des Tages als wahrer Glücksgriff mit der tröstlichen Botschaft von den vielen Chancen in der Krise und der anschaulichen Darstellung der „Erfolgsfaktoren“ für Dienstleister wie Sonnenstudios.

Politisches Gemurmel

Der Vorhang zu und (fast) alle Fragen offen - so könnte man mit Bert Brecht die Diskussion um "Solariengesetz" und Ausführungsverordnung auf dem BfB-Kongress zusammenfassen.

-->Der Verordnungsentwurf kann hier heruntergeladen werden,
-->der Gesetzentwurf (einschliesslich Begründung, so wie beides dem Bundesrat vorgelegt wurde) kann hier heruntergeladen werden.
-->Die Stellungnahme des Bundesrates vom 15.05.09 kann hier heruntergeladen werden

Eigentlich hätte das Timing des BfB-Kongresses ideal sein müssen. Am 09. Mai hätten sich, wenn es nach der Bundesregierung gegangen wäre, die wesentlichen Inhalte des "Solariengesetzes" und der Ausführungsverordnung klar abgezeichnet und wären entsprechend vom Vertreter des Bundesumweltministeriums referiert und erläutert worden. 

Dr. Karl-Eugen Huthmacher, BMU

Es kam anders!

Wie so oft blieben auch hier Gesetz und Verordnungsentwurf auf der Schleife durch den Bundesrat hängen. Entsprechend vage in der Sache die Ausführungen von Dr. Karl-Eugen Huthmacher,  Leiter der Strahlenschutzabteilung im Bundesumweltministerium.

Dabei steht nicht eigentlich das "Solariengesetz" im Vordergrund. Dort wird praktisch nur die Zugangssperre für Jugendliche unter 18 Jahren geregelt. Alles andere wird der Verordnungstätigkeit überlassen.

Anders als die Verordnung, dürfte das Gesetz "pünktlich" (Abstimmung im Bundesrat: 15. Mai) verabschiedet werden.  Nicht weniger als sieben Ausschüsse des Bundestags haben sich in einer Art Eilverfahren mit dem Gesetz befasst.

Kontroversen, wo es ans Eingemachte geht

Diskussionen beim Vortag und danach

Der Verordnungsentwurf , den im wesentlichen das Bundesamt für Strahlenschutz verfasst hatte, war bereits im April der Touristik-Lobby zugespielt worden. Kein Wunder also, dass sich vor allem die touristik-intensiven Länder, allen voran Bayern, im Bundesrat quer stellten.

Zentraler Stein des Anstoßes: Die Beratungs- und Präsenzpflicht auch für Solarien in Hotels, Schwimmbädern, Fitness-Centers etc. 
In der Tat geht dieser Konflikt auch quer durch die Solarienbranche selbst.

Eigentlich nicht kontrovers die Übernahme der 0,3 W/m²-Regelung auch für Altgeräte. Hier aber sind die Übergangsfristen natürlich von entscheidender Bedeutung und auch hier gibt es - verständlicherweise - unterschiedliche Interessen. (Bisher vorgesehene Frist: Ein Jahr nach Verabschiedung tritt die Verordnung in Kraft).
 
Aber auch andere Reglungen sind offensichtlich beim Gang durch die Ausschüsse und im Bundesrat "zerschossen" worden und Bayern versucht derzeit, auf die ohnehin schon ebenso brürokratisch-detailliert wie aber auch ausweichend-vage ("sollte", "musste") geplanten Überregulierungen noch eins draufzusatteln mit einem Werbeverbot für Sonnenstudios mit Aussagen zu den positiven Gesundheitswirkungen der Besonnung. 
 
Damit ist die Verabschiedung der Verordnung noch in dieser Legislaturperiode, also dort, wo es ans Eingemachte geht, eher unwahrscheinlich geworden, obwohl Dr. Huthmacher den Zuhörern und vermutlich auch sich selbst Mut zu sprach.

Und wie geht es weiter mit der Zertifizierung? Wichtig und (!) überflüssig?

Die Regulierung aller Solarien kommt bestimmt - Dr. Karl Eugen Huthmancher
...und alle Fragen offen!

In der "allgemeinen Verunsicherung" fielen auch zu diesem Thema die Kommentare des BMU-Vertreters eher widersprüchlich aus:

  • Einerseits bekannte sich Dr. Huthmacher noch einmal ausdrücklich zur Zertifizierung und zur Durchsetzung eines Gütesiegels in der Branche. Auch nach Gesetz und Verordnung bleibe dafür genügend Raum.
  • Andererseits konnte man aber seinen Worten auch entnehmen, dass die Zeritifizierung in der gegenwärtigen Form gescheitert sei.  Auf Nachfrage räumte er ein, dass das auch an den nicht immer klaren und deutlich überkomplizierten RTS-Kriterien gelegen habe und nicht allein am Unwillen oder der Unfähigkeit vieler Studios. 
  • Bekenntnis zur Zertifizierung auch für die Zukunft - aber keine Konzepte über das was und wie!
  • Einräumen von Mängeln und Versäumnissen sowohl in den RTS-Kriterien selbst als auch bei ihrer Durchsetzung und Kontrolle - aber keine konkreten Schritte zu einer tragfähigen Reform des RTS-Prozesses!

Allerdings sicherte Dr. Huthmacher zu, dass sowohl bei den (offiziellen) Anhörungen der Verbände zur Verordnung als auch bei einer möglichen Revision der RTS-Kriterien diesmal die "Praktiker" aus den Studios selbst, insbesondere die "Initiative Geprüftes Sonnenstudio" einbezogen würden.

Die anschließende Diskussion war heftig, Klarheit brachte sie nicht!

Das holländische Gegenbild

Huib von Hees - Holland, Du hast es besser!
Huib von Heest - Holland, Du hast es besser!

Das Gegenmodell zu den verquasten deutschen Verhältnissen präsentierte der Präsident des niederländischen Solarienverbands, Huib J. van Heest.

Der SVZ hatte bereits unmittelbar nach dem Brüsseler Machtwort zur Beschränkung der Bestrahlungsstärken auf 0,3 W/m² die Initiative´ergriffen und gemeinsam mit den holländischen Kontrolbehörden eine Übergangsregelung verhandelt, die fast "geräuschlos" eine Basis-Regulierung der Branche produzierte, wie sie heute in Deutschland z.B. von der IGS gefordert wird ("Transparente Marktordnung statt bürokratischer Überregulierung").

Gleichzeitig bemühten sich die holländischen Partner auf euroäischer Ebene ihr Modell zu verallgemeinern. Die Diskussion darüber hält noch an.

Alltagserfahrungen als "Geprüftes Sonnenstudio"

Bericht aus der Praxis eine "Geprüften Sonnenstudios": Andreas Peck
Bericht aus der Praxis: Andreas Peck

Dass - und wie - man als "Geprüftes Sonnenstudio" den Wettbewerbsvorsprung eines anerkannten Gütesiegels nutzen und erfolgreich umsetzen  und wie man daraus eine weiter reichende Vision des "Studios der Zukunft" entwickeln kann, belegten die Kurzvorträge der beiden IGS-Sprecher, Andreas Peck und Robert Maschewski.

Vom einzelnen "Geprüften Sonnenstudio" zur Interessengemeinschaft der zertifizierten Studios: Peter Lischka, als ihr 1. Sprecher, stellte die Arbeitsgemeinschaft zertifizierter Studios im Bundesfachverband für Besonnung, Initiative Geprüftes Sonnenstudio (IGS), vor.

Auch im Foyer mit einem stark frequentierten Demo-Stand präsent, nutzten die IGS-Sprecher die Kongressbühne für eine Vorstellung  des bisher Erreichten.

Im schriftlichen wie mündlichen Dialog mit dem BfS hat die "Initiative Geprüftes Sonnenstudio" ihre Position immer wieder klarmachen können und auf eine schnelle Entscheidung gedrängt.

Was ist und was leistet die IGS: Peter Lischka
Was ist und was leistet die IGS: Peter Lischka

Der Eindruck bei diesen Dialogversuchen drängte sich auf, dass das BfS die RTS-Kriterien mit all ihren Mängeln und praktischen Durchführungsproblemen im Gesetzgebungs- und Verordnungsprozess festschreiben lassen möchte und bis dahin auf Zeit spielt.

Auf der positiven Seite dieses anstrengenden Dialogs:
Die IGS ist als Gesprächspartner der Behörden inzwischen akzeptiert. Diese Position erlaubt es den Vertretern der "Geprüften Sonnenstudios", auch bei den finalen Anhörungen zur derzeit heftig umstrittenen Verordnung ihre Vorstellungen einzubringen.

Gleichzeitig hat die IGS mit der erfolgreichen Testphase ihres "Werkzeugkastens" die Grundlagen geschaffen für

  • die gemeinsame Arbeit an der Durchsetzung der Qualitäts-Marke "Geprüftes Sonnenstudio" und damit für eine dringend notwendige Image-Aufwertung der Branche als auch 
  • für Werbung und Pressearbeit jedes einzelnen Mitglieds-Studios.

Über Markt- und Kundenverhalten

Franziska Börner

Weniger als in manchen anderen Ländern hat sich in Deutschland die Meinungs- und Trendforschung mit dem Besonnungsmarkt und seinen Teilnehmern befasst.

Franziska Börner, Mitglied der Risikoforschungsgruppe „Mensch Umwelt Technik“ am Forschungszentrum Jülich, präsentierte die Bevölkerungsumfrage über Bräunungsverhalten in Sonnenstudios, Einstellungen und Informationsbedürfnisse im Auftrag des Bundesamts für Strahlenschutz (BfS).

Wie in anderen Ländern auch stehen die Solariengegner in Deutschland - wie etwa das BfS, Krebshilfe oder ADP - vor einem merkwürdigen Phänomen: Ihre Angstkampagnen gegen die Nutzung von Solarien erhöhen zwar ständig die Zahl der Menschen mit hohem Problembewusstsein (Angst vor Hautkrebs, Hautalterung), wirken sich aber kaum oder garnicht auf die tatsächliche Sonnenbank-Nutzung aus.

Die Erklärung für dieses Phänomen: Nach wie vor wird Bräune der Haut als attraktiv empfunden und häufig auch als Zeichen für Gesundheit. Die Studie sollte Ansätze zeigen für die Bekämpfung dieser - im Sinne der Solariengegner fatalen - Einstellung in der Bevölkerung.

Im Zentrum der Diskussion der letzten Monate die angeblich hohe und steigende Nutzung von Solarien durch Jugendliche. Hier sprechen die von Franziska Börner vorgelegten Daten eine völlig andere Sprache: Nur fünf Prozent der Nutzer sind Jugendliche unter 18 Jahren - und die Zahl hat offensichtlich deutlich abgenommen, denn  frühere Studien hatten sieben (7) und mehr Prozente ausgewiesen.

Interessante Daten einer interessierten Erhebung, die es wert wären, einmal unter anderen Gesichtspunkten und Vorfragen analysiert zu werden.

Und Nützliches über den Umgang mit dem Kunden

Stil und Image: Guido Sauer
Stil und Image: Guido Sauer

Der erste Eindruck zählt!

Ein wichtiges Element im Wettbewerb ist die Präsentation nach außen. Die Gestaltung von Schaufenstern, Eingang und Innenräumen überzeugt und bindet Kunden und fördert Umsatz.

Guido Sauer, ausgewiesener Experte für die Konzeption und Gestaltung von Verkaufsflächen, griff tief in die Intrumentenkiste seiner Erfahrungen und holte im schnellen - durchaus auch unterhaltsamen - Wechsel Stück für Stück seine Tipps und Tricks für die gespannt lauschenden Zuhörer heraus.

Edy Paul setzte die Schluss-Pointen

Chancen in der Krise: Edy Paul
Chancen in der Krise: Edy Paul

Kaum als "Ersatzmann" aus der Schweiz eingeflogen, brachte der Schlussreferent Edy Paul den praktischen Teil des Tages gezielt auf den Punkt und den Saal zum Kochen:

 "Dienstleistung im Wandel der Zeit" lautete sein Thema und da der Dienstleistungsbranche "Künstliche Besonnung" derzeit der Wind des Wandels ziemlich heftig um die Ohren braust, trafen die launigen Anmerkungen des Schweizers direkt ins Schwarze.

Was wie eine Aufforderung zur Fröhlichkeit in der Krise klang  - "je besser die Stimmung – desto besser ist die Zustimmung!" - untermauerte Edy Paul mit einer ganz praktischen List der entscheidenden Erfolgfaktoren.

Seine Forderung nach "Kontinuität, Stabilität und Sicherheit" auch und gerade im Wandel und seine tröstende Botschaft von der "Chance in der Krise" kam als richtungsweisendes Schlusswort eines in jeder Hinsicht spannungsgeladenen Kongresses gerade recht.

Sämtliche Fotos:

Claudia Hahn
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